Besondere Motive: SternbilderSternbilder in Wappen sind kein typisches heraldisches Motiv, obwohl Sterne als solche, einzeln oder zu mehreren, im Gegensatz dazu zu den äußerst beliebten Motiven gehören. Es gibt sehr wohl einige Wappen mit dem Motiv eines Sternbildes im Schild, doch handelt es sich dabei nicht um altüberlieferte Adelswappen, sondern um Wappengestaltungen aus neuerer Zeit.
Warum? Zum einen hat das heraldisch-ästhetische Gründe: Die traditionelle Heraldik arbeitet mit einfachen Strukturen und Elementen, und wenn mehrere dieser Einzelelemente auftreten, dann werden sie meist in rhythmische oder einfach strukturierte Beziehungen zueinander gesetzt, z. B. "besät mit Sternen" oder "Balken, belegt mit drei Sternen" oder in eine Reihung oder Anordnung im Verhältnis kleiner ganzer Zahlen gebracht wie z. B. "6 Sterne, 3:2:1 gestellt" etc. Die komplexe, nicht mit sofort einsichtigen und nicht mit einfachen Worten ohne Zusatzwissen zu beschreibende Beziehung mehrerer Objekte entspricht nicht dem mittelalterlichen heraldischen Kreativitätsverhalten.
Zum anderen gehört zum traditionellen heraldischen Stil, daß einerseits eine raumfüllende Darstellung wünschenswert ist und daß andererseits eine relative Größenvorgabe nicht typisch ist. Wer als traditioneller Heraldiker sechs Sterne darstellen möchte, schafft eine maximal mögliche Einheitsgröße bei gegebener Anordnung im Feld, so daß ein optisch ausgewogenes Verhältnis aus Objekten und Freiflächen entsteht. Typisch für die klassische Heraldik sind einfach zu erfassende Rhythmen wie "bestreut" oder "besät", die zusätzlich zur Information der Einzelform nur ein minimales Plus an Anordnungs-Information erfordern, was zu visuell leicht erfaßbaren Gesamtbildern führt.
Weiterhin ist es im heraldischen Stil üblich, bestimmte Details einer gemeinen Figur durch Vergrößerung zu betonen, um das Wesentliche herauszuarbeiten, so daß man an Darstellungen gemeiner Figuren eher nicht mit der Erwartung der Erhaltung von Proportionen herangeht. Das Abbilden von Sternbildern hingegen ist ein anderes Konzept, weil sich erst durch die komplexe Beziehung mehrerer gleichartiger, aber auch verschieden großer (Größe als Maß für Leuchtkraft) Sterne die Bedeutung ergibt.
Zum anderen hat das auch historisch-kulturelle Gründe: Im Mittelalter war die Wahrnehmung von Astronomie eine deutlich andere als in der Neuzeit, die Beschäftigung mit Sternbildern setzt vor allem eine wissenschaftliche Beobachtung und Differenzierung voraus, die eher weniger typisch für die ritterliche Welt war. Im Mittelalter stand zudem nur wenig Wissensgut der antiken Astronomie zur Verfügung, obwohl die Astronomie eine Disziplin der sog. Sieben Freien Künste war und dort zum sog. Quadrivium gehörte. Erst im Spätmittelalter wurden astronomische Werke durch den Buchdruck verbreitet, jedoch erst die Renaissance führte zu einer Blüte dieser Disziplin als Wissenschaft. Auch aus diesem Grund, der zwingend erforderlichen Hintergrundinformation, ohne die eine Blasonierung auch gar nicht möglich wäre, ist das Auftreten von Sternbildern in Wappen eher ein Phänomen der neuzeitlichen und bürgerlichen oder kommunalen Heraldik.
Als Gestaltungselement eröffnet die Verwendung von Sternbildern die graphisch verschlüsselte Einbringung von zusätzlichen Informationen in eine Gestaltung, z. B. über die Symbolik der Namen der Sternbilder, wenn z. B. eine Familie mit Namen "Schütze" auf redende Weise das Sternbild Schütze verwendet, oder wenn das Sternbild Teil eines graphischen Rebus und somit hintergründiger Bedeutungsträger wird. Weiterhin kann ein Sternbild für die Herkunft stehen (siehe Beispiele).
Beispiele von Wappen mit Sternbildern im Siebmacher:Familie
Ingolitsch (Wappenbrief von 1649, Siebmacher Band: Bg8 Seite: 63 Tafel: 68): Geviert, Feld 1 und 4: in Silber ein wachsender Jüngling mit blondem Haar in rotem Gewand, beide Hände eingestemmt, Feld 2 und 3: in Schwarz fünf goldene Sterne zu 1, 2, 1, der fünfte rechts unten (das Sternbild "
Wagen"). Auf dem heidnisch gekrönten Helm mit rechts schwarz-goldenen und links rot-silbernen Decken der Jüngling wachsend, in der Rechten einen Säbel haltend.
Familie v.
Bar (Siebmacher Band: PrE Seite: 208 Tafel: 181, Band: Han Seite: 27 Tafel: 28, 1863 verliehen): In Blau ein silbernes
Siebengestirn (der
große Bär), auf dem blau-silbern bewulsteten oder gekrönten Helm mit blau-silbernen Decken ein silbernes Siebengestirn (der große Bär) vor einem grünen Pfauenstoß. Hier ist es ein Spiel mit der redenden Assoziation Bar-Bär-Großer Bär.
Familie
Pohlberg (Siebmacher Band: Gal Seite: 108 Tafel: 131, Freiherrenstand 1849): Von Gold und Blau gespalten, rechts zwei schwarze Querbalken, links der
Polarstern und der
große Bär (das
Siebengestirn), auf dem gekrönten Helm mit rechts schwarz-goldenen und links blau-goldenen Decken sieben Straußenfedern, schwarz-golden-schwarz-golden-blau-golden-blau.
Familie von
Bujacovich (Siebmacher Band Band: Dal Seite: 100 Tafel: 71, 1845 österreichischer Ritterstand, 1856 österreichischer Freiherrenstand): Über einer hier nicht näher blasonierten, eher gemäldeartigen Szene mit Meer, Hafendamm, Kastell und Fregatte der goldene
Polarstern und rechts von diesem ein goldenes
Siebengestirn.
Anm.: Das Sternbild "Großer Bär" ist eigentlich von der Lage her identisch mit dem Großen Wagen (Teilsternbild), und das Siebengestirn ist astronomisch identisch mit den Plejaden. Der Große Bär bzw. der Große Wagen besteht aber ebenfalls aus sieben hellen Sternen, vier (Megrez, Phekda, Merak und Dubhe) für den Wagenkasten und drei (Alioth, Mizar und Benetnasch) für die Deichsel, deshalb wird der Ausdruck Siebengestirn auch für diesen verwendet. Von der Anordnung her ist meistens der Große Wagen in mehr oder weniger abstrahierter Form abgebildet, und wenn der Polarstern mit dargestellt wird, ist die Identität eindeutig.
Beispiele von Wappen mit Sternbildern in der Deutsche Wappenrolle:Familie
Wiendl aus Neuenschwand, Kreis Schwandorf/Oberpfalz (Deutsche Wappenrolle DWR Band: LII Seite: 94 Nummer: 9209/90): In blau-golden geteilten Schild oben fünf silberne Sterne in der Anordnung des Sternbildes der "
Kassiopeia"; unten ein schwarzer Ring, verschränkt mit einer schwarzen Schnur in Form einer liegenden 8. Auf dem blau-golden bewulsteten Helm mit blau-goldenen Decken ein golden-blau geteilter Flug, belegt mit den silberngestielten, schwarzen, schräggekreuzten Bergwerkszeichen Schlägel und Eisen.
Familie
Fiedrich aus Piassutten, Krs. Ortelsburg/Ostpreußen (Deutsche Wappenrolle DWR Band: XLIV Seite: 39 Nummer: 8442/85): In blau-silbern gespaltenem Schild vorn zwölf silberne Sterne in der Anordnung des Sternbildes des "
Schützen"; hinten ein einwärts gekehrter blauer Adlerflügel. Auf dem blau-silbern bewulsteten Helm mit blau-silbernen Decken ein wachsender, nackter Schütze, umgürtet mit goldenem Köcher und silbernen Pfeilen, einen goldenen Bogen mit silbernem Pfeil spannend.

Familienwappen Gillert
Familie
Gillert aus Tschepplau, Kreis Glogau/Schlesien (Deutsche Wappenrolle DWR Band: XXXV Seite: 41 Nummer: 3466/40): In Blau das silberne Sternbild des "
Orion", bestehend aus elf (2 großen, 6 kleineren, 3 kleinsten) Sternen. Auf dem Helm mit blau-silbernen Decken ein wachsender, blau mit silbernem Aufschlag bekleideter Arm, einen bewurzelten goldenen Baumstumpf balkenweise über sich haltend.
Familie
Wittwer aus Wertach, Kreis Kempten (Deutsche Wappenrolle DWR Band: XX Seite: 93 Nummer: 6359/69): In Blau aus dem unteren Schildrand hervorbrechend ein silbernes Zahnrad, überhöht von fünf goldenen Sternen in der Anordnung des Sternbildes "
Kassiopeia".
Beispiele von Wappen mit Sternbildern für Städte, Staaten, Bundesstaaten etc.:Victoria (ein australischer Bundesstaat): In Blau das silberne Sternbild "
Kreuz des Südens". Auf dem blau-silbern bewulsteten Helm mit blau-silbernen Decken wachsend ein naturfarbenes (braunes) Känguruh, eine St. Edwards-Krone haltend. Schildhalter zwei Frauen in weißem Gewand, die rechte mit blauem Überwurf über die Schulter, einen grünen Olivenzweig haltend, die linke mit rotem Überwurf, ein Füllhorn haltend.
Australien (Staatswappen): Innerhalb eines Hermelinbordes geteilt und zweimal gespalten, Feld 1: in Silber ein rotes Kreuz, mit je einen goldenen Stern auf jedem Arm und in der Mitte mit einem schreitenden goldenen Löwen belegt, Feld 2: In Blau das silberne Sternbild "
Kreuz des Südens", darüber eine goldene Krone, Feld 3: in Silber ein blaues Malteserkreuz (Victoria-Kreuz), belegt mit einer Königskrone, Feld 4: in Gold auf einem schwarzen Ast ein natürlicher, auffliegender Flötenvogel, Feld 5: in Gold ein abgewendeter schwarzer Schwan, Feld 6: in Silber ein schreitender roter Löwe. Hier steht das betreffende Feld für den oben genannten Bundesstaat Victoria.

Stadtwappen Pudasjärvi
Pudasjärvi (Stadt in Finnland): Schwarz-golden im Tannenreisschnitt geteilt, oben das goldene Sternbild des "
Großen Wagens", unten ein schwarzer, rotbewehrter und -gezungter schreitender Bär.
Beispiele von Wappen mit Sternbildern für Kleriker:Anselm van der Linde, Abt der Zisterzienserabtei Wettingen-Mehrerau: Geviert mit Herzschild, Feld 1 und 4: in Blau eine goldene Lilie, Feld 2 und 3: in Gold fünf blaue Sterne, das Sternbild "
Kreuz des Südens“ bildend, wobei der größte Stern einen dreistrahligen Schweif nach unten führt, Herzschild: in Schwarz ein in zwei Reihen silbern-rot geschachter Schrägbalken (Zisterzienser). In diesem personengebundenen Amtswappen steht das Sternbild für die Herkunft des Abtes aus Südafrika.
Literatur, Links und Quellen:Siebmachers Wappenbücher, insbesondere die Bände Bürgerliche
Deutsche Wappenrolle
Anselm van der Linde:
http://www.kath-kirche-vorarlberg.at/organisation/pressebuero/artikel/ernennungsdekret-von-papst-benedikt-xiv - Van der Linde, Anselm, in: Biographia Cisterciensis, online:
http://www.zisterzienserlexikon.de/wiki/Van_der_Linde,_AnselmPudasjärvi:
http://www.pudasjarvi.fi/ -
http://fi.wikipedia.org/wiki/Pudasj%C3%A4rvi