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Autor Thema: Aus der Kuriositätenecke  (Gelesen 625 mal)
Herold-vom-Rhein
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« am: 08. März 2011, 13:56:32 »

Bei Wappenverbesserungen kommt es häufig zu Verschlimmbesserungen: Ergänzungen, die nicht passen, überladene Inhalte. Beispiele gibt es unendlich viele. Doch eine so skurrile Wappen"verbesserung" wie diese ist mir noch nicht begegnet. Wir begeben uns in die insularen Besonderheiten der Heraldik und finden das Exlibris der Familie Robertson, ein schottischer Clan aus der Gegend von Perth. Dieses Wappen (in Rot drei (2:1) abgerissene silberne Wolfsköpfe, gules, three wolves' heads erased argent) ist nur korrekt und vollständig wiedergegeben mit dem unten querliegenden Gefangenen in Ketten. Nein, es ist nicht irgendeine Illustration, sondern gehört zum Wappen selbst dazu!

Warum nur? Wir begeben uns in das Jahr 1437, König Jakob (James) I. von Schottland (10.12.1394-21.2.1437) war gerade bei einer Adelsrevolte ermordet worden. Das war sowieso ein besonders unglücklicher König, denn er war zwar ab 1406 nominell König, nachdem sein Bruder in einem Kerker verhungert war, de facto aber 18 lange Jahre Gefangener des englischen Kollegen in Windsor. 1420 wurde er gegen Lösegeld, mit dessen Zahlung man sich von schottischer Seite aus reichlich Zeit gelassen hatte, freigelassen und 1424 in Schottland gekrönt. Sein Ende war wenig beschaulich, er versuchte zwar dem Anschlag auf sein Leben durch die Kloaken zu entkommen, steckte wegen eines vermauerten Ausgangs zwei Tage in der Schei... fest, bis man ihn fand und endlich umbrachte.

Der Clanchef der MacDonn(a)chaidh (= Sohn des Duncan = Duncanson), Robert "Riabhach" Duncanson, war ein Parteigänger des ermordeten Königs, und er wußte eine heiße Spur, wohin die Mörder desselben entwischt waren, und er ließ sie jagen und fangen. Zwei davon, Sir Robert Graham und Walter Stewart, der Earl of Atholl und immerhin sogar der Onkel des Ermordeten, wurden auf ziemlich üble Weise auf dem Grasmarkt in Edinburgh von der Witwe, Joan Beaufort, vom Diesseits ins Jenseits befördert.

Der Donnachaidh-Clan wurde in Person des 4. Clanchiefs vom neuen König Jakob (James) II. (16.10.1430-3.8.1460) am 15.8.1451 für diese Unterstützung durch eine Wappenverbesserung belohnt: Die Helmzier war nun auf dem rot-silbern bewulsteten Helm mit ebensolchen Decken eine wachsende natürliche Rechtshand, die die königlich schottische Krone emporhält (a dexter hand erect, supporting a regal crown), und der Gefangene unter dem Schild kam hinzu, "a savage man prostrate and in chains". Diese gänzlich ungewöhnliche Ergänzung unter dem Schild ist zwar nicht ästhetisch, aber in ihrer Art singulär. Von der Rolle her dürfte diese ungewöhnliche Ergänzung am ehesten mit einem Schildhalter vergleichbar sein. In Erinnerung an die königstreue Tat des Clanchefs Robert wurde auch der Clan-Name von Donnchaidh (auch Donnachaidh) in Robertson geändert. Der Grundbesitz wurde zur Baronie erhoben (Robertson of Struan, neben diversen anderen Linien). Die Devise lautet "Virtutis gloria merces".

Lit.: The general armory of England, Scotland, Ireland, and Wales, von Sir Bernard Burke



in Groß: http://www.welt-der-wappen.de/temp/exlibris-341.jpg Exlibris von unbekanntem Künstler, unsigniert, undatiert, vermutlich Mitte des 19. Jh.
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A.Lenz
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« Antworten #1 am: 08. März 2011, 14:48:04 »

Zwar nicht so kurios, aber doch zum Schmunzeln:

Allianzwappen Lodderbein und Hos



Lodderbein mit Schnabelschuh, die Hos mit ihrem bekannten Hosenbein im Schild.
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Gernot
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« Antworten #2 am: 15. März 2011, 08:20:43 »

... Robertson-MacDonnachaidh ...
Brrr. Schaurig-schön. Passt aber zu Schottland.
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Gernot

Weiß der Geier...
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« Antworten #3 am: 15. März 2011, 14:59:50 »

Ja, schaurig-schottisch…
Und ungewöhnlich, daß diese Zuschaustellung von Gefangenen selbst in die Heraldik eingeflossen ist. Ansonsten gab es das seit jeher, v.a. in der Antike, d.h. die künstlerische Verarbeitung von Gefangenen und die Demonstration des Sieges.

Für die Neuzeit gibt es auch ein eigentümliches Beispiel in der Stadt Rom, den Palazzo Colonna. Die Colonna (Wappen: natürlich eine Säule) sind eine der ältesten Familien des mittelalterlichen Roms. Mit Marcantonio Colonna (1535-1584) hatte die Familie noch einmal einen gefeierten Helden, den Sieger der Seeschlacht von Lepanto gegen die Türken.
Als die Colonna im Barock ihren Palast prunkvoll umgestalteten, wurde auf den Helden Marcantonio ausgiebig in Fresken und Allegorien Bezug genommen.
Die große Galerie (übrigens Vorbild für den späteren Spiegelsaal von Versailles) und angrenzende Säle beherbergen eine seltsame Reihe von Prunkmöbeln, Konsolen und kostbarsten Ebenholz-Kabinettschränken, die samt und sonders von türkischen Gefangenen "gewuchtet" werden müssen…








Nebenbei: Das Säulen-Wappen ist in diesem Palast natürlich überall präsent, besonders eindrucksvoll als echte, riesige antike Säule im Zentrum des Innenhofs, auch das vielleicht eine "heraldische" Kuriosität:



Viele Grüße
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"Menschengeschlechter ziehen vorüber wie die Schatten vor der Sonne"
rekem
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« Antworten #4 am: 23. März 2011, 17:56:59 »

ich weiß nicht, ob das hier schon erwähnt wurde:
im ungarisch-kroatisch-siebenbürgischen Adel habe wir jede Menge, genauer gesagt 687 aufgespießte usw., blutige Türkenköpfe.
Die sind natürlich heute überhaupt nicht mehr politisch-korrekt und nach allerlei EU-Beitritten wird sich Brüssel sicher schon bald darum kümmern. Dann müssen z.B. die Fragen diskutiert werden, was an die Stelle tritt und ob das Wappen oder die Familie überhaupt verboten wird. Darunter auch die Familie
Sarközy des französischen Staatspräsidenten.
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mfG
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« Antworten #5 am: 23. März 2011, 18:41:15 »

Vielleicht wird in Brüssel dann beschlossen, dass die Köpfe durch einen schwarzen Balken unkenntlich gemacht werden müssen.
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AndreasP
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« Antworten #6 am: 23. März 2011, 18:44:00 »

Solange der Papst einen Mohren im Wappen führt, ist wohl keine Furcht angesagt.
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Gernot
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« Antworten #7 am: 24. März 2011, 08:36:32 »

Solange der Papst einen Mohren im Wappen führt, ist wohl keine Furcht angesagt.
Pssst, er hat keinen Mohren, sondern einen Neger Schwarzen Farbigen Afro-Stämmigen im Wappen.
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Gernot

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« Antworten #8 am: 24. März 2011, 08:42:28 »

Vielleicht noch "Südländer äquatorialen Hintergrundes"  Grinsend Grinsend Grinsend
In der Heraldik ist der Mohr für mich ein Mohr und bleibt ein Mohr.
Im übrigen pfeife ich auf "politische Korrektheit" - einen größeren verbalen Unsinn hat es nie gegeben. Zwinkernd
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rekem
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« Antworten #9 am: 24. März 2011, 09:45:15 »

pc kommt aus den US-Universitäten und wird hier, wie fast alles von dort, nicht nur übernommen sondern auch noch besonders dolle.
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mfG
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« Antworten #10 am: 24. März 2011, 10:01:00 »

... und wird hier, wie fast alles von dort, nicht nur übernommen sondern auch noch besonders dolle.
Wie wahr. Ein Glück, dass ich ohnehin keine Mohrenköpfe Negerküsse Schaumküsse mag.

Ist eigentlich auch schon ein Termin absehbar, wann sich der Tierschutz um die Heraldik kümmert und z.B. das Ende der Merletten einläutet?
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Gernot

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« Antworten #11 am: 24. März 2011, 10:30:37 »

...und der Mischwesen, die ja schlimmste Gentechnik vorwegnehmen? Grinsend
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rekem
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« Antworten #12 am: 24. März 2011, 16:44:30 »

Ist eigentlich auch schon ein Termin absehbar, wann sich der Tierschutz um die Heraldik kümmert und z.B. das Ende der Merletten einläutet?

Dazu habe ich dann heute in der Staatsbibliothek mal in einem französischen Heraldikbuch nachgesehen, was da zu diesen armen Tieren gesagt wird:
1. in MA-Rollen ist es das zweithäufigste Tier nach dem Löwen, Häufung rund um Paris und westlich davon entlang der Küste. Später Ausdehnung an den franzöischen, flandrischen und englischen - nicht aber an den weiter südlichen Küsten.
Aber auch häufig bei Namen, die im entferntesten und mißverstandensten irgendwie nach Vogel und Amsel usw. klingen (falschredend).
2. Die Zeichnung dieses mißhandelten Wesens ist extrem instabil und die französischen, englischen und deutschen weiteren Bezeichnungen als (See)Schwalbe, Entchen, gestümmelt usw. sind auch nur Merletten.
3. Als Folge davon habe ich das nicht pc-gerechte "gestümmelt" usw. alles in Merletten geändert. Ich hoffe, ich komme damit noch mal davon.
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mfG
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« Antworten #13 am: 24. März 2011, 18:03:58 »

Diese "gestümmelten" Tiere haben wir nur den Franzosen und, vor allen Dingen, den Engländern zu verdanken.

Schon zu Anfang des XIII. Jahrhunderts nahmen in Frankreich und England die jüngeren Geschlechtsmitglieder zur Unterscheidung von den Ältesten kleine Figuren in den ansonsten unveränderten Schild auf. Bevorzugt die Jacobsmuschel und die Seeschwalbe (Martlet). Und mit der Zeit wurde aus der Seeschwalbe mit ihrem schwachen Schnabel und den kurzen Beinen eine "Drossel" (Merlette) ohne Schnabel und Beine.
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