Bei Wappenverbesserungen kommt es häufig zu Verschlimmbesserungen: Ergänzungen, die nicht passen, überladene Inhalte. Beispiele gibt es unendlich viele. Doch eine so skurrile Wappen"verbesserung" wie diese ist mir noch nicht begegnet. Wir begeben uns in die insularen Besonderheiten der Heraldik und finden das Exlibris der Familie Robertson, ein schottischer Clan aus der Gegend von Perth. Dieses Wappen (in Rot drei (2:1) abgerissene silberne Wolfsköpfe, gules, three wolves' heads erased argent) ist nur korrekt und vollständig wiedergegeben mit dem unten querliegenden Gefangenen in Ketten. Nein, es ist nicht irgendeine Illustration, sondern gehört zum Wappen selbst dazu!
Warum nur? Wir begeben uns in das Jahr 1437, König Jakob (James) I. von Schottland (10.12.1394-21.2.1437) war gerade bei einer Adelsrevolte ermordet worden. Das war sowieso ein besonders unglücklicher König, denn er war zwar ab 1406 nominell König, nachdem sein Bruder in einem Kerker verhungert war, de facto aber 18 lange Jahre Gefangener des englischen Kollegen in Windsor. 1420 wurde er gegen Lösegeld, mit dessen Zahlung man sich von schottischer Seite aus reichlich Zeit gelassen hatte, freigelassen und 1424 in Schottland gekrönt. Sein Ende war wenig beschaulich, er versuchte zwar dem Anschlag auf sein Leben durch die Kloaken zu entkommen, steckte wegen eines vermauerten Ausgangs zwei Tage in der Schei... fest, bis man ihn fand und endlich umbrachte.
Der Clanchef der MacDonn(a)chaidh (= Sohn des Duncan = Duncanson), Robert "Riabhach" Duncanson, war ein Parteigänger des ermordeten Königs, und er wußte eine heiße Spur, wohin die Mörder desselben entwischt waren, und er ließ sie jagen und fangen. Zwei davon, Sir Robert Graham und Walter Stewart, der Earl of Atholl und immerhin sogar der Onkel des Ermordeten, wurden auf ziemlich üble Weise auf dem Grasmarkt in Edinburgh von der Witwe, Joan Beaufort, vom Diesseits ins Jenseits befördert.
Der Donnachaidh-Clan wurde in Person des 4. Clanchiefs vom neuen König Jakob (James) II. (16.10.1430-3.8.1460) am 15.8.1451 für diese Unterstützung durch eine Wappenverbesserung belohnt: Die Helmzier war nun auf dem rot-silbern bewulsteten Helm mit ebensolchen Decken eine wachsende natürliche Rechtshand, die die königlich schottische Krone emporhält (a dexter hand erect, supporting a regal crown), und der Gefangene unter dem Schild kam hinzu, "a savage man prostrate and in chains". Diese gänzlich ungewöhnliche Ergänzung unter dem Schild ist zwar nicht ästhetisch, aber in ihrer Art singulär. Von der Rolle her dürfte diese ungewöhnliche Ergänzung am ehesten mit einem Schildhalter vergleichbar sein. In Erinnerung an die königstreue Tat des Clanchefs Robert wurde auch der Clan-Name von Donnchaidh (auch Donnachaidh) in Robertson geändert. Der Grundbesitz wurde zur Baronie erhoben (Robertson of Struan, neben diversen anderen Linien). Die Devise lautet "Virtutis gloria merces".
Lit.: The general armory of England, Scotland, Ireland, and Wales, von Sir Bernard Burke

in Groß:
http://www.welt-der-wappen.de/temp/exlibris-341.jpg Exlibris von unbekanntem Künstler, unsigniert, undatiert, vermutlich Mitte des 19. Jh.